¡No bien! – Part II

Zusammen mit dem Reiseführer schwammen wir zurück ans andere Ufer, kletterten die Stufen hoch und setzten mich auf eine Bank. Die anderen schienen das ganze erst einige Momente später zu realisieren, da ich nicht selten zu unangebrachten Späßen neige. Mir selbst wurde der Ernst der Lage erst bewusst, als die einheimischen Kolumbianer kein Anzeichen mehr von Gelassenheit zeigten und mich mit Fragen durchbohrten. Gleichzeitig begann ein nahezu unerträglicher, stechender Schmerz meinen Fuß, sowie meinen Unterschenkel zu durchwandern. Da mir meine dreiste Lüge „Hablo español un poquito!“ unangebracht erschien, wurde übersetzt. Ich sagte, dass die Schlange grün oder braun war, ich gut Luft bekomme, kein Schwindel-bzw. Übelkeitsgefühl verspüre und der Schmerz sehr stark ist. Vier Männer, darunter zwei unserer einheimischen Guides machten sich auf zum Fluss um die Schlange zu finden und zu töten. Nachdem sie erfolglos wiederkamen wurde mir klar, dass es sich nicht um einen Racheakt handelte, sondern um eine Möglichkeit, ein Gegenmittel durch den Medizinmann des ortsansässigen, indigenen Dorfes herstellen zu lassen. In der Zwischenzeit trieb mir der Schmerz Tränen in die Augen und meine Angst wurde größer. Valerie hielt meine Hand und es wurde wild per Funk kommuniziert.

Wir waren etwas ratlos, wie wir von diesem Ort ins nächste Krankenhaus kommen sollten. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Der Koch hantierte plötzlich mit einem drei Meter langem Bambusstab, Seilen und einer Hängematte. Fünf Minuten später befand ich mich in der Hängematte und wurde abwechselnd von vier Männern getragen. Einige Schritte hinter uns befand sich Valerie mit unserem Rucksack und versuchte keuchend mit hochrotem Kopf mit den Männern Schritt zu halten. Es war nahezu ein Sprint von dreißig Minuten, der uns durch den Wald, die Flur und einen Fluss zum nahegelegenen Indio-Dorf führte. Dort befand sich das einzige „Krankenhaus“ der Sierra Nevada. Noch bevor ich ins Behandlungszimmer getragen wurde, dachte ich mir, dass der Schlangenbiss und der Tourabbruch anfingen sich die Waage mit den positiven Erlebnissen zu halten. Es ist mit Sicherheit nicht das Schlechteste in einer Hängematte getragen zu werden und nahezu unmöglich ein Dorf der indigenen Bevölkerung von innen zu sehen. Als ich auf das Krankenbett gelegt wurde, stellte man mir den Arzt und seinen Gehilfen vor. Zwei Männer mit gedrungener Figur, einem gleichgültigen Gesichtsausdruck und wunderschönem, langem schwarzen Haar. Die Szene, die sich mir bot, wirkte fast surreal. Links neben mir lagen eine Spritze, eine Packung Gegengift, eine Flasche Alkohol und eine Tüte voll Watte. Rechts wurde ein überraschend neu aussehendes Tablet per Generator geladen und vor mir standen zwei Kokablätter kauende Indios, sowie die Guides, welche beruhigend auf mich einredeten.

Ich fragte, wo meine Freundin sei. Diese war nur einige Meter hinter uns und betrat aufgeregt das Behandlungszimmer, welches nebenbei keine Tür besaß. Sie erzählte mir etwas konfus, dass sie gefragt wurde, ob sie Ihre Menstruation hätte. Wir fingen beide an zu lachen. Uns wurde erklärt, dass der Medizinmann sich dann besser konzentrieren könne und das Blut auf die Wunde gestrichen werden müsste. Leider(?) hatte sie nicht ihre Periode. Behutsam begann der Lehrling meine linke Hand mit Alkohol zu desinfizieren und eine Infusion mit dem Gegengift vorzubereiten. Zu meinen Füßen lag ein schwarzer Welpe, während der Gehilfe mit zitternden Händen, umringt von vier Männern, Valerie und mir die Nadel auf meine Vene richtete. Leider traf er diese nicht und stach durch, sodass sich eine Wasserblase unter meiner Haut bildete. Plötzlich begann ich zu schwitzen, zeigte flehend auf meine Hand und stammelte nur „No bien“, worauf er antwortete „cinqo minutos“. Als dann auch der Medizinmann und die Guides ihren Unmut darüber kundzutun und ich fast ohnmächtig wurde, entfernte man mir die Kanüle. Zu meiner Freude bekam ich dann eine Neue für die rechte Hand. Erleichterung machte sich breit. Derweilen sahen wir kleine indigene Kinder, die uns aus einiger Entfernung interessiert begutachteten. Aufbruchstimmung machte sich breit, als von draußen „Mula!“ zu hören war.

Vor der Tür stand ein Mula (dt. Maultier), welcher mich zum ersten Camp transportieren sollte. Ich fing an zu lächeln, da ich noch nie zuvor geritten bin. Die Kanüle wurde mir umgehend herausgezogen, als alle Beteiligten gemerkt haben, dass es nicht praktikabel ist auf einem Maultier zu reiten und dabei eine Infusion hochzuhalten. Nach einer kurzer Verabschiedung und Danksagung, starteten wir den Rückweg. Mein Fuß und mein Unterschenkel waren nun auf das Doppelte angeschwollen und wurden mit einer Plastiktüte umwickelt um vor Nässe zu schützen. José unser Guide und José der Maultierführer legten zusammen mit „Pitaharra“, dem Maultier, ein unglaubliches Tempo vor. Während Valerie unter hoher Anstrengung immer weiter zurückfiel sorgten sich die beiden Josés um die Zeit. Absichtlich haben Valerie und ich alte Turnschuhe mit nach Kolumbien genommen, um diese nach der Tour zu entsorgen. Ohne nachzudenken haben wir das jedoch bereits vor meinem Rücktransport realisiert, sodass Valerie auf Birkenstock fünfeinhalb Stunden Wandern vor sich hatte. José und José entschieden daher, dass wir uns trennen und ich alleine mit dem Maultier samt Führer schneller wäre. Jede Kurve und jeder kleine Fluss kamen mir bekannt vor und ich hoffte, dass der Weg doch nicht so lang sei, wie er uns am Morgen und Vormittag erschien. Meine Gedanken drehten sich zunehmens um Valerie, da dieses den Rucksack an José abgegeben hatte und nun ohne Wasser durch Schlamm und über Stock und Stein lief. Meine Gedanken wurden regelmäßig unterbrochen sobald der metallene Steigbügel gegen meinen angeschwollenen Fuß schlug, sodass der Schmerz meinen ganzen Körper durchdrang. Ich spürte außerdem, wie das Gift in meinen Oberschenkel hochwanderte. Ständig fragte mich José, ob ich mich im Kopf gut fühle, was ich stets ehrlichen bejahen konnte. Als wir endlich im Camp angekommen waren, wo wir übernachteten, dauerte es noch eine gute Viertelstunde bis wir den unwegsamen Aufstieg zum befahrbaren Weg gemeistert hatten. Ich schämte mich schon fast, als wir dabei zwei Reisegruppen passierten, da es wirkte als würde ich von dem Maultier in Großgrundbesitzer-Manier chauffiert werden. Auf dem Gipfel angekommen sah ich aus der Ferne bereits zwei Motorräder stehen. Ich fragte, ob eines davon für meine Freundin bestimmt wäre. „Sí claro“ wurde es mir versichert.

Nach einer kurzen Motorradfahrt nach Machete wurde ich mit einem Auto für weitere vierzig Minuten zur Hauptstraße gebracht. Dort angekommen fuhren wir noch einen kurzen Moment in Richtung Santa Marta, bis der Krankenwagen uns entgegenkam. Keine der Fragen, welche der Rettungssanitäter mir stellte habe ich auch nur ansatzweise verstanden, jedoch hielt er es für sinnvoll mir eine Atemvorrichtung wie bei „The fault in our stars“ in die Nase zu stecken. Im Krankenhaus wartete die Eigentümerin von MagicTours bereits auf uns und erklärte schnell, dass ich über die Tour eine Reiseversicherung abgeschlossen hatte, sodass ich schnell in ein Behandlungszimmer geschoben wurde. Das Krankenhaus wirkte auf mich überraschend sauber und ließ mich meine Sorgen über eine schlechte gesundheitliche Versorgung schnell vergessen. Schnell interessierten sich auch die Kolumbianer für meinen Fuß und ich wurde in zahlreiche Gespräche verwickelt. Als nach zwei Stunden endlich meine vollkommen erschöpfte Valerie durch die Tür kam, konnte ich den Schmerz für einen Moment vergessen. Die Nacht verbrachten wir in einem Zimmer, was wir uns mit sechs älteren Männern und dessen Frauen teilten. Nach meinem ersten Liter Kochsalzlösung fragte ich nach einer Ente, worauf mich die Schwestern anlachten und mir eine Bettpfanne gaben. Resultierend aus der Aussage, dass ich nicht auf Klo gehen kann, spielte sich am nächsten Morgen ein merkwürdiges Schauspiel ab. Um kurz vor fünf betraten zwei Schwestern mit einem Sichtschutz und einem silbernen Tablett das Zimmer.

Breit

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